DVZ: Herr Fleischer, Nestlé ist ein global agierender Konzern. Wie werden da Ziele und Maßnahmen, die Sie im Bereich Dekarbonisierung der Supply Chain umsetzen, abgestimmt?
Matthias Fleischer: Wir haben eine globale Sustainability Roadmap, die definiert, wo wir 2030 und 2050 stehen wollen. Daraus leiten wir in Abstimmung mit dem Headquarter in Vevey, Schweiz, Maßnahmen für alle Teilbereiche ab. Der Rahmen wird also zentral vorgegeben, die finalen Entscheidungen werden aber in den einzelnen Märkten getroffen.
Seit wann spielt Nachhaltigkeit im Bereich Supply Chain von Nestlé überhaupt eine Rolle?
Fleischer: Grundsätzlich wollen wir unsere Kunden immer aus werksnahen Standorten beliefern. Das spart viele Zwischentransporte. Das ist in erster Linie eine Frage der Effizienz und der Kostenreduzierung, hat aber natürlich auch einen Nachhaltigkeitsaspekt. Darüber hinaus haben wir uns seit etwa zehn Jahren auch mit Rohstoffen und Verpackungsmaterialien beschäftigt.
Langfristige Reduktionsziele sind wichtig, aber schwer greifbar. Welche kurzfristigen Ziele gibt es im Bereich Supply Chain von Nestlé in Deutschland?
Fleischer: Wir wollen schon bis 2025 unsere Emissionen im Transport um mehr als 15 % reduzieren. Neben der Nutzung von alternativen Energien hilft hier auch der zentrale Standort unseres neuen Distributionszentrums in Ludwigsau.
Nestlé arbeitet mit vielen Dienstleistern zusammen. Was macht die Zusammenarbeit mit Sennder so besonders?
Martin Grossmann: Wir haben mit vielen unserer Transportdienstleister im nationalen Bereich Pilotprojekte zum Einsatz von alternativen Antrieben, mit Sennder arbeiten wir europaweit auch in anderen Ländern zusammen. Jetzt haben wir gemeinsam für unsere Marke Thomy in Nordrhein-Westfalen eine der ersten regulären Shuttle-Relationen von einem Produktionsstandort zu einem nahegelegenen Distributionszentrum auf Elektroantrieb umgestellt. Das ist uns sehr schnell und unkompliziert gelungen. Schnelligkeit und Zuverlässigkeit waren bei dem Projekt die für uns wichtigsten Parameter. Und das hat Sennder uns beides liefern können. Das kann sicherlich Vorbildcharakter für andere unserer Linien haben.
Fleischer: Wichtig ist auch, dass es ein sinnvoller Business Case ist. Kosteneffizienz war daher entscheidend. Die Kosten müssen in einem guten Verhältnis zu den gesenkten Emissionen stehen. Das war hier der Fall.
Herr Major-Ex, welche Bedeutung hat diese Partnerschaft für Sennder?
Graham Major-Ex: Seit vier Jahren arbeiten wir gemeinsam an umweltfreundlichen Transportlösungen. Wir haben die Chance, eines der größten Unternehmen der Welt bei der Dekarbonisierung seiner Lieferkette zu unterstützen. Das ist eine große Herausforderung, die uns aber auch sehr motiviert. Zudem hat Nestlé selbst eine sehr klare Vision in Sachen Nachhaltigkeit. Wir arbeiten gerne mit solchen Kunden zusammen, die einen so konkreten Plan haben, und helfen anderen, die sich noch einen Überblick verschaffen, in der Planungsphase.
Wie hat sich die Zusammenarbeit in den vier Jahren entwickelt?
Major-Ex: Wir haben bei Sennder schon sehr früh auf HVO gesetzt. Damals war das noch sehr erklärungsbedürftig und vielen Kunden unbekannt. Nestlé hingegen ist uns hier von Anfang an sehr offen begegnet. Gemeinsam haben wir in den vergangenen Jahren viel gelernt und die Zusammenarbeit immer weiter ausgebaut. Wir steigern die Anzahl umweltfreundlicher Transporte kontinuierlich und setzen inzwischen auch auf neue Technologien wie jetzt den E-Lkw.
Den Großteil der umweltfreundlicheren Transporte für Nestlé setzen Sie aber noch mit HVO um.
Major-Ex: Derzeit liegt das Verhältnis bei 95 Prozent HVO und 5 Prozent E-Lkw. Wir erwarten, dass beide Technologien in den nächsten Jahren weiter wachsen und den Diesel sukzessive verdrängen werden. Dabei wird der Anteil der E-Lkw schnell deutlich steigen. HVO ist eine gute sofortige Dekarbonisierungstechnologie, da es ohne Motoranpassungen in jedem Dieselmotor verwendet werden kann – insbesondere, da 98 Prozent der heute auf der Straße fahrenden Lkw Dieselfahrzeuge sind.
Ein entscheidender Faktor für den wachsenden Anteil elektrischer Antriebe wird sein, dass der Einsatz von E-Lkw in Zukunft günstiger wird als Diesel. Wir rechnen damit, dass dies in spätestens fünf Jahren der Fall sein wird. Dann wird sich der Wandel enorm beschleunigen.
Viele schrecken aufgrund der höheren Kosten aktuell vor dem Einsatz von E-Lkw zurück. Wie sah das bei Ihrem Projekt aus?
Grossmann: Wir haben bei Nestlé ein Modell geschaffen, in dem das Verhältnis zwischen Investition und CO2-Reduktion betrachtet wird. Es gibt bestimmte Richtwerte, die erfüllt sein müssen, um ein neues Projekt umzusetzen. In unserem Fall haben wir eine Nahverkehrsstrecke von rund 120 Kilometern zwischen unserem Produktionswerk in Neuss und dem Distributionszentrum in Lüdinghausen, wo die Fahrzeuge mit einer hohen Auslastung fahren und aktuell noch externe, aber gute Ladeinfrastruktur vorhanden ist. Die Mehrkosten für den E-Lkw sind mit 5 bis 10 Prozent derzeit überschaubar. Das liegt neben der Mautbefreiung auch an effizienten Betriebsmodellen, wettbewerbsfähigen Strompreisen und optimierten Beschaffungskosten für Elektro-Lkw.
Major-Ex: Diese spezielle Strecke war aus betrieblicher Sicht sehr gut für den elektrischen Betrieb geeignet. Das ist eines der Dinge, die wir jetzt sehr gut beurteilen können, nämlich den betrieblichen Ansatz für Elektro-Lkw. Man muss sich einfache Aspekte wie Betriebsstunden, Entfernungen und Ladezeiten anschauen. Wir müssen auch unser Joint Venture Juna mit Scania erwähnen. Derzeit sind Elektro-Lkw in der Anschaffung noch 2,5- bis 3-mal so teuer wie Diesel-Lkw. Mit Juna bieten wir daher ein Pay-per-Use-Modell für E-Lkw an. Dieses Modell haben wir auch im Projekt mit Nestlé eingesetzt. Das reduziert das finanzielle Risiko für die Frachtführer und verbessert die Wettbewerbsfähigkeit für Kunden.
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Fordern Sie mit Nestlé den Einsatz alternativer Antriebsarten bereits konkret von Ihren Logistikdienstleistern ein?
Grossmann: Ja, das ist mittlerweile ein sehr wichtiges Kriterium für unsere Auftragsvergabe. Seit letztem Jahr fordern wir in unseren Ausschreibungen einen bestimmten Anteil an alternativen Antrieben, der stetig steigt. Das hängt immer von den konkreten Zielen ab, die wir uns in den einzelnen Märkten und Regionen gesetzt haben. Aktuell haben wir eine große Ausschreibung kurz vor dem Abschluss, wo wir die Transportvolumina für alle unsere großen Distributionszentren in Deutschland ausgeschrieben haben. Wir werden, das kann ich heute schon sagen, ab dem 1. März zwischen 10 und 20 Prozent unserer Transporte mit HVO oder E-Lkw realisieren.
Und wenn Logistikdienstleister keinen Transport mit alternativen Antrieben anbieten?
Grossmann: Dann kommen sie als Partner für uns nicht mehr infrage. Das Signal ist klar: Wer als Logistikdienstleister in den nächsten Jahren mit Nestlé ins Geschäft kommen will, muss diese Transformation mit uns gehen und die Partnerschaft weiterentwickeln.
Wie hoch ist der Anteil umweltfreundlicherer Transporte mittlerweile bei Sennder?
Major-Ex: Bei unseren Transporten für Nestlé erreichten wir im Jahr 2024 bereits einen Anteil von 30 Prozent an E-Lkw und HVO100. Im vierten Quartal wurden mehr als 50 Prozent des Geschäfts mit HVO100 oder E-Lkw abgewickelt.
Fleischer: Bei festen Routen, stabilen Volumina und einer klar definierten Anzahl von Fahrzeugen gibt es für uns langfristig keinen Grund mehr, den E-Lkw nicht einzusetzen. Das ist auf solchen Strecken nur eine Frage der Zeit. Wir stimmen uns hier sehr eng mit unseren Partnern wie Sennder ab.
Werden Sie zeitnah weitere Routen auf den E-Lkw umstellen?
Major-Ex: Ja, die Gespräche dazu laufen bereits.
Grossmann: Unsere mittelfristige Strategie ist recht einfach zu erklären. Der hochfrequente Nahverkehr mit festem Aufkommen, festen Umläufen und entsprechender interner oder externer Ladeinfrastruktur ist ideal für Elektromobilität. Mittlere und längere Relationen fahren wir aufgrund fehlender Ladeinfrastruktur noch einige Jahre mit HVO oder auf Bio-LNG. Und die ganz langen Relationen wollen wir möglichst intermodal abdecken. Das wollen wir unter den jeweiligen Bedingungen bestmöglich lösen.
Major-Ex: Das ist genau das, was wir vorhaben, und wir werden diese Transformation gemeinsam weiter vorantreiben.
Sind viele der Sennder-Kunden bei der Nachhaltigkeit schon so weit wie Nestlé?
Major-Ex: Es gibt definitiv eine große Nachfrage nach grünem Business. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit unseren Kunden passende Lösungen zu entwickeln, die für beide Seiten sinnvoll sind. Unsere Abteilung „Green Business“ hat auch eine sehr große strategische Bedeutung für Sennder. Wir sehen hier mittelfristig einen großen Vorteil für unser Unternehmen, da wir uns frühzeitig Expertise aufgebaut haben, mit der wir unsere Partner unterstützen können.